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Franchise-Journal

Experten-Chat-Protokoll

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24.06.2011

Expertenforum 'Systemaufbau'

Frau Prof. Veronika Bellone, Bellone FRANCHISE CONSULTING GmbH

  • Franchise-Aufbau: Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein?
  • Allgemeine Fragen zum Franchising

Frau Prof. Veronika Bellone: Guten Morgen, liebe Chat-Teilnehmer/innen. Ich freue mich auf Ihre Fragen rund um das Thema Franchising diesmal mit dem Schwerpunkt "Aufbau eines Franchise-Systems und Voraussetzungen dafür". Ihre Veronika Bellone
Leser: Einen schönen guten Morgen Frau Bellone. Welche Schwierigkeiten treten nach Ihrer Erfahrung als Franchise-Beraterin beim Aufbau eines Franchise-Systems regelmäßig auf? Und was kann man vorbeugend tun, um sie zu vermeiden oder leichter zu bewältigen?
Frau Prof. Veronika Bellone: Schönen guten Morgen, lieber Chat-Teilnehmer. Mit zu den grössten Schwierigkeiten gehört, dass viele angehende Franchise-Geber/innen die Entwicklung eines System-Konstruktes unterschätzen. Häufig wird davon ausgegangen, dass es reicht, den Erfolg im eigenen Erstbetrieb vorzuweisen und daraus abgeleitet, einen Vertrag um dieses Geschäftskonzept zu "konstruieren". Vielen ist zudem nicht bewusst, dass man mit der Wachstumsstrategie Franchising zukünftig in zwei Märkten aktiv sein wird. Dem branchenbezogenen Markt und dem für Existenzgründer/innen. Es gilt also, das Geschäftskonzept immer wieder aus verschiedenen Perspektiven zu durchdenken. Welche Vorteile bringt mein Angebot den Endabnehmern und -abnehmerinnen und den möglichen Franchise-Partnern und -Partnerinnen. Wofür steht mein Konzept? Welchen Nutzen können beide Zielgruppen generieren? Lässt sich mein Geschäftskonzept nachhaltig aufstellen? Ist es aus ökonomischer, sozialer und ökologischer Sicht nachhaltig? Das sind grundlegende Fragen neben vielen anderen, die helfen würden, zumindest die Tragweite des Systems zu ermitteln.
Leser: Liebe Frau Professor Bellone: Anhand welcher Kriterien prüft man, ob sich ein regional umgesetztes Geschäftskonzept zur Vervielfältigung im Franchising eignet?
Frau Prof. Veronika Bellone: Die "echte" Überprüfung werden Sie nur durchführen können, in dem Sie zunächst eigene Pilotbetriebe in anderen Regionen realisieren. So haben Sie aus erster Hand die Informationen, inwieweit die Standardisierung und Multiplikation Ihres Konzeptes machbar ist. Zuvor sollten Sie allerdings einen Plan entwickeln, um aus dem jetzigen Betrieb Ableitungen vorzunehmen. Was würde sich nach Ihrer Vorstellung in einem zweiten Geschäft verändern? Was läuft heute suboptimal und müsste in einer veränderten Form überprüft werden? Wie können sich Mentalitätsunterschiede auswirken? Wie ist die Wettbewerbssituation an den anderen Orten? Nehmen Sie eine Überprüfung der regionalen Marktpotenziale für Ihr Angebot vor. Dazu sollten Sie Marktdaten einkaufen und/oder recherchieren. Inwiefern ändert sich die Kundensituation und welchen Einfluss hat diese auf Ihr Angebot? Die Kostenstruktur an einem anderen Ort ist zu bedenken, die Belieferung, die Einrichtungsplanung. Überprüfen Sie den zeitlichen Ablauf, was braucht in Ihrer Planung zur Realisierung eines Betriebes wie lang und was läuft parallel. Das sind ebenfalls wichtige Angaben, wenn Sie später den Zeitplan für kommende Franchise-Partner/innen aufstellen würden.
Leser: Könnte es angesichts der anzutreffenden Vorbehalte (zumindest hier in unserem Raum) beim Systemaufbau helfen, auf die Verwendung des Franchise-Begriffs gegenüber Geldgebern, Lieferanten, Interessenten etc. zu verzichten?
Frau Prof. Veronika Bellone: Da sagen Sie 'was! Es ist effektiv so, dass der Begriff nicht immer wohlwollend aufgenommen wird. Es sind aber nicht nur Vorurteile, die dazu führen, vielfach ist es auch reine Unkenntnis - auch bei Banken und Medien. "Und was man nicht kennt, das betrachtet man mit Skepsis." Deswegen stelle ich mich selbst auf diese Situationen auch so ein, dass ich nicht voraussetze, dass Franchising bekannt ist. Ich spreche vielfach von Expansionsstrategie mit selbstständigen Geschäftspartnern. Erst in Einzelgesprächen, in denen man die Gelegenheit hat, Franchising näher zu erläutern, sollte dann schon das Wort "Franchising" fallen - damit das Verständnis dafür gefördert wird.
Leser: Welches Vorgehen empfehlen Sie einem erfolgreichen Unternehmer, der sein Geschäftsmodell über Partner vervielfältigen will? Von welchen Bedingungen hängt das Vorgehen gegebenenfalls ab?
Frau Prof. Veronika Bellone: Wir - mein Geschäftspartner Thomas Matla - und ich haben dafür einen sehr pragmatischen Plan entworfen, den wir auch in unserem Praxisbuch Franchising (erschienen im mi-Verlag, www.mi-wirtschaftsbuch.de) vorstellen. Wenn Sie Ihr Geschäftsmodell vervielfältigen wollen, dann müssen Sie zunächst mittels einer Situationsanalyse überprüfen, ob Ihre Unternehmung dafür geeignet ist. Das nehmen Sie am besten mittels einer SWOT-Analyse vor, wo Sie Stärken und Schwächen/Risiken und Stärken untersuchen. So können Sie am ehesten "die Gesundheit" Ihrer Unternehmung prüfen. Da Franchising eine strategische Entscheidung ist, müssen Sie wissen, welches Potenzial der Heimmarkt für Sie bereit hält und welche weiteren Märkte Sie erobern wollen. Denn Franchising eignet sich nur, wenn Sie auch eine entsprechend grosse Anzahl Partner/innen integrieren können. Wieviele Partner/innen das sein müssen, hängt von Ihrem Konzept und der möglichen Dimension ab. Den Break-even sollten Sie jedoch prognostizieren können, also ab dem wievielten Partner werden Sie die Entwicklungskosten und den laufenden Support amortisieren können. Welche Vorsprungsmerkmale können Sie herauskristallisieren, die so besonders sind, dass sie nachhaltig attraktiv für Kunden/Kundinnen und Partner/innen sind? Lässt sich daraus auch eine starke Marke aufbauen mit hohem Wiedererkennungswert? Lässt sich das alles standardisieren und unabhängig von Ihrer Person - als erfolgreicher Unternehmer - auch mit Franchise-Partnern umsetzen. Die Profbeschreibung der Partner/innen und das gesamte Partnermarketing gehört auch zu den Bedingungen für ein erfolgreiches Franchise-Konstrukt.
Leser: Sehr geehrte Frau Bellone, Ich suche für ein Geschäftsmodell im Bereich des Lebensmitteleinzelhandel nach prof. Investoren. Das Geschäftsmodell ist auch als Franchise-System umsetzbar. Wo findet man Investoren?
Frau Prof. Veronika Bellone: Businessclubs können interessant sein. Versuchen Sie dort einen Vortrag zu platzieren, der Eckdaten zu Ihrer Branche und den Erfolgsfaktoren Ihres Modells enthält - es sollte über eine interessante Wissensvermittlung die Sensibilisierung auf Ihr Vorhaben erfolgen. So habe ich es schon für eine Unternehmung durchgeführt und Kontakt generiert. Sie könnten auch nach strategischen Partnern suchen. Vielleicht gibt es einen starken Partner am Markt, der mit Ihrem Konzept diversifizieren könnte. Das muss ja nicht zwingend jemand aus der Lebensmittelbranche sein, sondern eine Unternehmung, die darin ein zusätzliches Geschäftsfeld sieht.
Leser: Welche alternativen Vertriebsformen sollten vor der Entscheidung für einen Franchise-Aufbau in Betracht gezogen werden? Welche Voraussetzungen sind dann ausschlaggebend?
Frau Prof. Veronika Bellone: Es gibt die "abgespeckte" Variante, die reine Lizenzierung. Es gibt Vertragshändler- und Agentursysteme etc.. Viele stellen sich nach aussen hin sehr ähnlich dar. Bei der Überprüfung auf Franchise-Fähigkeit - wie wir sie in unserer Consulting-Tätigkeit vornehmen - wird durch die vielen Aspekte, die beleuchtet werden, ganz klar, ob Franchising zum Geschäftsmodell passt, ob es nachhaltigen Erfolg haben könnte, ob es finanziell für Franchise-Geber/in und Franchise-Nehmer/innen interessant ist. Wichtig bei der Überprüfung ist aber auch festzustellen, inwieweit "der Kopf" also der potenzielle Franchise-Geber/die -Geberin überhaupt bereit ist, mit Selbstständigen zu kooperieren. Kontrolle abzugeben, Partner/innen zu fördern und jeweils vom Konzept zu überzeugen, sie erfolgreich werden zu lassen, Perspektiven aufzuzeigen, sich kritisch mit ihnen auseinandersetzen. Dieses "Denken in Konsequenzen", das wir auch in unserem "Praxisbuch Franchising" sehr detailliert und praktisch einsetzbar beschrieben haben, macht klar, ob ein Bestandteil des Konzeptes vielleicht als Lizenz angeboten wird oder ein sehr kontrolliertes System mit Agenten geeigneter ist.
Leser: Mit welchen Kosten ist beim Aufbau eines Franchise-Systems ungefähr zu rechnen und was sind die größten Kostenblöcke? Wo kann man erst in der Vorbereitungsphase und dann in der Startphase gezielt Kosten sparen?
Frau Prof. Veronika Bellone: Mit den grössten Kostenblock stellt Ihre eigene Erarbeitungszeit dar, die Sie selbst und Mitarbeitende einsetzen, um das Geschäftskonzept zu standardisieren und abzubilden. Es lohnt sich auf alle Fälle, dafür einen Berater hinzuzuziehen, da eine Begleitung dieses Prozesses und das Herausarbeiten der Erfolgsfaktoren und die Übertragung in nachhaltige Systembausteine moderiert wird und damit effizienter ist. Zu den Elementen, die entwickelt werden müssen gehören: - das Franchise- oder Partner-Handbuch u.a. mit dem Beschrieb des Partnermarketing - das Handbuch zu Ihrem Leistungsangebot (also ein Produkt- oder Dienstleistungs-Manual) - Marken/CI-Manual - Schulung-Konzept und Manual - Handbuch mit den zentralen Abläufen - Gebührenkalkulation - evtl. Businessplan - Pilotbetrieb (das ist ebenfalls ein grosser Kostenblock, aber zwingend notwendig, um Ihre aufgestellten Standards und Prozesse zu überprüfen) - Franchise-Vertrag Das sind in groben Zügen die Aufgaben, die zu erledigen sind und entsprechende Eigen- und Fremdleistungen zur Folge haben. Kosteneinsparungen werden Sie haben, je genauer Sie Ihre Vorgehensweise durchdenken und mögliche Konsequenzen eruieren. Je eher Sie "in Alternativen" denken - also was tun Sie, wenn z.B. ein starker Wettbewerber auf dem Markt auftritt oder die Standort- oder Partnersuche sich als zäher erweist oder... Sie können schneller und effektiver handeln, wenn Sie Eventualitäten einbeziehen.
Leser: Frau Prof. Bellone: Gibt es eine Art >>Checkliste<<, anhand der ein Unternehmer oder Berater prüfen kann, ob ein Unternehmen sich als Baustein für die Entwicklung eines Franchise-Systems eignet und welche Mängel vorher auszuräumen sind?
Frau Prof. Veronika Bellone: Das alles in einer Checkliste unterzubringen, wäre sehr "sportlich". Denn eine Anleitung, wie Sie Ihr Geschäftskonzept ganzheitlich überprüfen können, braucht gezielte aufeinander abgestimmte Fragen. Sie können z.B. beim DFV (Deutschen Franchise Verband www.franchiseverband.com) den Franchise-Ratgeber 2011/2012 bestellen. Darin finden Sie sehr viele nützliche Tipps für den Aufbau und zum Vergleich mit anderen Franchise-Unternehmen am Markt. Andere Landes-Franchiseverbände halten ebenfalls Informationen parat. Ausserdem können Sie auf dem Franchiseportal sehr viele Hilfen erfahren, wenn Sie auf "Franchising-Tipps" gehen. Sie können natürlich auch unser Buch "Praxisbuch Franchising" erwerben, dort sind neben praktischen Angaben zum Aufbau auch Denkwerkzeuge dafür enthalten.
Leser: Gibt es Branchen, wo Franchise keine gute Lösung ist? Muss ich als Ursprungsunternehmen immer die Werbung für meine Partner übernehmen?
Frau Prof. Veronika Bellone: Franchising ist mittlerweile in vielen Branchen und in vielen Formen am Markt vertreten. Es gibt Social Franchising, Green Franchising und Micro Franchising. Conversion Franchising, Intercultural Franchising, Industrial Franchising und Kultur Franchising. Heute gibt es eben selbst im kulturellen Bereich u.a. mit Madame Tussaud oder dem Guggenheim Museum überall angepasste Franchisemodelle, die auf den eher exklusiven Charakter dieser "Geschäftskonzepte" eingehen. Es gibt komplementäre Franchise-Systeme, in denen die Partner/innen in sich ergänzenden Disziplinen kooperieren. Es gibt soziale Projekte von NPO, die per Franchising verbreitet werden. Es ist weniger die Frage, welche Branche geeignet ist, sondern viel mehr: Gibt es für das Leistungsangebot a) eine Nachfrage und b) ist die Nachfrage so gross, dass sich damit eine Expansion mit dem Konzept lohnt? Das Spannende am Franchising ist, dass es keine starre Struktur ist, sondern den Eigenheiten der Konzepte angepasst werden kann. Die nationale Werbung übernimmt in der Regel der Franchise-Geber/die Geberin, um gesamthaft Schwerpunkte zu legen, die Markenschärfung voranzutreiben. Dazu gehört auch, dass Sie die Vorlagen für die Partner/innen schaffen, dass diese die regionale und lokale Vermarktung vorantreiben.
Frau Prof. Veronika Bellone: Liebe Chat-Teilnehmer/innen, vielen Dank für Ihre Fragen. Dann bleibt mir nur, Ihnen ganz viel Erfolg zu wünschen und einen schönen Sommeranfang. Herzlichst Ihre Veronika Bellone
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