02.12.2017

Franchise-Trends 2017/2018 in Deutschland: Droht der Verlust des Kontakts zur Basis?

Immer mehr Franchise-Systeme setzen auf Multi-Unit-Franchising, Management-Systeme, Internationalisierung und finanzstarke Partner. Doch je mehr Größe und Investment in den Vordergrund rücken, desto weniger greift einer der wichtigsten Vorteile des klassischen Einzel-Franchising.

Neue Franchise-Partner zu gewinnen, ist schwerer geworden in Deutschland . Denn die als Franchise-Nehmer in Frage kommenden Persönlichkeiten haben es aufgrund der guten Arbeitsmarktlage und des Fachkräftemangels meist leicht, gute, lukrative Anstellungen zu finden oder innerhalb ihrer aktuellen Firma Karriere zu machen. Warum also das Wagnis einer Franchise-Partnerschaft auf sich nehmen, wenn dabei nicht einmal unbedingt mehr Unabhängigkeit gegeben ist? Schließlich können die Vorgaben von Franchise-Gebern als ähnlich einschränkend erlebt werden wie die eines Arbeitsgebers. Und dann auch noch auf bezahlten Urlaub, eine günstige Krankenversicherung und Rentenansprüche verzichten? Franchise-Geber, die hier überzeugen wollen, müssen schon ein ganz besonderes Angebot bereithalten.

Ein Franchise-Partner, mehrere Standorte

Der Mangel an neuen Franchise-Partnern hat in den vergangenen Jahren immer mehr dazu geführt, dass Franchise-Systeme verstärkt mit vorhandenen Partnern expandieren möchten: Im Rahmen des Multi-Unit-Franchising führen die einstigen Einzel-Franchise-Nehmer dann mehrere Standorte. Doch der Wechsel vom Einzel- zum Multi-Unit-Franchising ist für viele bestehende Partner weder gangbar noch gewünscht. Denn die Anforderungen und das Arbeitsprofil ändern sich dadurch erheblich. Während viele Einzel-Franchise-Nehmer selbst operativ in ihrem Geschäft (mit-)arbeiten, sind beim Multi-Unit-Franchising oft ausschließlich Management-Aufgaben zu erfüllen. Für viele Franchise-Partner, die die Arbeit in ihrem Geschäft lieben, dürfte der Wechsel zur Arbeit an ihrem Geschäft also nicht unbedingt attraktiv sein. Auch weil das Arbeitspensum weiter wachsen kann und geeignetes Personal für die Standorte nicht immer leicht zu finden ist.

Eher Investoren als Multi-Unit-Partner

Kein Wunder also, dass Franchise-Geber gerne gleich neue Multi-Unit-Partner gewinnen, die eher als Investoren bezeichnet werden können. Solche Franchise-Nehmer haben von Anfang an ein ganzes Set an Standorteröffnungen im Visier und bringen sowohl das erforderliche Kapital als auch die nötige Management-Kompetenz mit. Ein Beispiel: Die Fast-Food-Kette KFC expandierte zuletzt verstärkt mit finanzstarken Groß-Franchise-Nehmern wie Amrest aus Polen oder der australischen Franchise-Gruppe Collins Foods Limited.

Selbst Nachfolger für etablierte Standorte sind schwer zu finden

Inzwischen ist es selbst für etablierte Franchise-Standorte nicht mehr leicht, Nachfolger zu gewinnen . Und Franchise-Systeme, die seit 20 Jahren und mehr erfolgreich am Markt sind, müssen die Nachfolgefrage längst zur Chefsache machen. Laut Deutschem Franchiseverband e.V. (DFV) ist das Thema „Unternehmensnachfolge“  für rund 40 Prozent der Franchise-Systeme von großer Bedeutung. Dies ergab eine Erhebung unter DFV-Mitgliedsunternehmen Ende 2016. Auch hier versuchen Systeme zunehmend, bestehende Franchise-Partner dafür zu gewinnen, Standorte im Rahmen von Multi-Unit-Verträgen zu übernehmen bzw. weiterzuführen. Ganz aktuell berichtet die „Welt“ über das Franchise-System Vom Fass: Die Suche nach neuen Franchise-Partnern und Nachfolgern gestalte sich schwierig, sagt Vorstandschef Thomas Kiderlen in dem Artikel. Man habe „sogar die Regeln gelockert“ und das Multi-Unit-Franchising erlaubt.

Internationalisierung als Ausweg

Der Druck, den kleinere und mittlere Franchise-Systeme zunehmend verspüren, resultiert auch aus einer zunehmenden Konkurrenz von finanzstarken internationalen Playern, hinter denen schon auch mal aggressive Investmentgesellschaften stehen. Entsprechend streben manche Franchise-Systeme nicht nur aus eigenen Expansions- und Wachstumsbestrebungen an, international aktiv zu werden oder das internationale Engagement auszubauen. Vielmehr gehen sie von einer Notwendigkeit von mehr Größe aus. Wohl zu Recht: Denn zuletzt zeigten mehrere große Übernahmen von deutschen Franchise-Systemen, wie enorm der Kaufhunger ausländischer Unternehmen ist. So kauften 2016 die australische Domino's Pizza Enterprises und die Domino's Pizza Group plc aus Großbritannien das hierzulande marktführende Franchise-System Joey’s Pizza. Erst vor Kurzem übernahm Domino’s dann auch noch das Franchise-System Hallo Pizza. Den Franchise-Nehmern blieb die Wahl: unter neuer Flagge weitermachen oder künftig als Einzelkämpfer agieren. Auch das marktführende deutsche Franchise-System Backwerk wurde vor Kurzem aufgekauft: vom Schweizer Valora Konzern . In der jüngeren Vergangenheit sind einige deutsche Franchise-Systeme hinzu gekommen, die verstärkt international wachsen oder wachsen möchten. Dazu zählen zum Beispiel Bodystreet, Mrs.Sporty, Hans im Glück oder Coffee Fellows.

Multi-Brand - ein Partner, viele Partnerschaften

Hierzulande noch relativ wenig bekannt ist das Multi-Brand-Franchising . Dabei schließen Franchise-Nehmer nicht nur mit einem Franchise-System Partnerschaften, sondern mit mehreren. Der Gedanke: Wer sich als Franchise-Partner für ein System eignet, hat auch ein für andere Franchise-Geber interessantes Profil. Im Hinblick auf die beim Franchise-Nehmer erforderlichen Kompetenzen ist das Multi-Brand-Franchising damit dem Multi-Unit-Franchising vergleichbar. Multi-Brand-Franchising spielt auch auf der Ebene des Master-Franchising eine zunehmende Rolle. Regional stark verbreitet ist das Multi-Brand-Franchising zum Beispiel in Mode-Einzelhandel. Auf größerer Ebene agieren Multi-Unit-Franchisenehmer oft auch als Multi-Brand-Franchisepartner. So ist zum Beispiel die polnische Amrest nicht nur KFC Franchise-Nehmer, sondern auch Partner von Franchise-Systemen wie Pizza Hut oder Burger King.

Think Big vs. Leidenschaft für die eigene Arbeit

Das Spektrum von Multi-Unit- bzw. Multi-Brand-Franchisepartnerschaften ist sehr groß. Am einem Ende stehen einstige Einzel-Franchise-Nehmer, die ein oder zwei weitere Standorte zusätzlich übernehmen, am anderen multinationale Unternehmen, die auf Augenhöhe mit den Franchise-Gebern agieren. Die Tendenz ist dennoch bei beiden dieselbe: Die Einheiten, in denen gedacht und gerecht wird, werden immer größer.

Damit wächst auch die Kluft zwischen klassischen Franchise-Gründern und Groß-Franchise-Nehmern. Die einen haben ihr System auch deshalb gewählt, weil sie das jeweilige Metier und die Arbeit im Geschäft lieben oder ihren Traumberuf verwirklichen wollten. Die anderen müssen entweder zwangsläufig vor allem finanzielle und wirtschaftliche Aspekte im Blick haben oder hegen von Anfang an Investmentgedanken. Setzt sich diese Tendenz immer weiter fort, läuft das Franchising in manchen Bereichen Gefahr, nicht mehr als ein großes Geschäft für kleinere und größere Investoren zu werden. Damit ginge aber auch einer der größten Vorteile des Franchising gegenüber Filialisten verloren: das Engagement und die Leidenschaft der Franchise-Nehmer, die selbst im Geschäft mitarbeiten. Es wäre der Verlust des direkten Kontakts zur Basis - und damit zu einer wichtigen Erfolgsgrundlage des Prinzips Franchising.

Bild: Shutterstock | Arthim edes

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Nachrichten-Redaktion
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